Die Ostererzählung – als Bilderbuch, Erzähltheater und im Doppelband mit Pfingsten

Die Ostererzählung – als Bilderbuch, Erzähltheater und im Doppelband mit Pfingsten

Wer weiß heute schon noch genau, was es mit Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern auf sich hat? Rainer Oberthür erzählt die heilige Woche in Jerusalem nach und zeigt die Ursprünge unserer Feiertage auf. Eine Rahmenhandlung führt die Kinder in diese Geschichte von Tod und Auferstehung Christi ein und gibt am Schluss eine Vorstellung davon, was diese Geschehnisse für uns heute bedeuten können. So bleibt der Autor nah an der Bibel und nah an den Kindern und legt eine außergewöhnliche Ostererzählung vor, lebendig und symbolstark bebildert von Renate Seelig.

Seit Januar 2018 ist „Die Ostererzählung“  auch als Erzähltheater mit vollständigem Text und allen Bildern auf insgesamt 14 Bildkarten bei DonBosco-Medien erhältlich: weitere Infos HIER. Zudem gibt es seit Januar 2019 Oster- und Pfingsterzählung im Doppelband, Infos HIER 

Am Text meines ersten Bilderbuches habe ich in einem Zeitraum von fast einem Jahr geschrieben. Insofern habe ich an meinem bislang kürzesten Buchtext für jeden einzelnen Satz die meiste Zeit verwendet. Denn ich wollte zugleich bibelnah und kindgerecht erzählen: dem Wortlaut des Evangeliums verpflichtet und dennoch für Kinder ab 5-6 Jahren aufwärts einfach verständlich, ohne die zentrale Geschichte der christlichen Botschaft zu verfälschen, zu verniedlichen und zu klein zu handeln. Kinder wollen und sollen die Größe und Bedeutung des hier Erzählten erspüren, erahnen und erkennen.

Der Bibeltext ist eingebettet in ein Gespräch zwischen Kind und Mutter, das mir Deutungsmöglichkeiten eröffnet. Das Kind verlangt nach der Erzählung von Jesu Tod und die Mutter erzählt die „schwere“ Geschichte ganz am Markusevangelium orientiert. Der Auftakt zur Passionsgeschichte ist wie bei Markus die Erzählung vom blinden Bartimäus, der in der Begegnung mit Jesus sehen lernt und (auf den Bilder sichtbar) mit Jesus mitgeht. Der Text betont Tag für Tag die „Heilige Woche“, die mit dem 8. Tag, dem Ostertag der Auferstehung und der neuen Schöpfung endet. So kann ich – deutlicher als bei Markus erkennbar – die Bezüge zu unseren Festen und ihrer Bedeutung als Erinnerungsgeschehen herausstellen. Erinnerung ist auch Thema der Salbung Jesu durch die Frau. Wichtig war mir auch das bei Markus (anders als bei Matthäus und Lukas) gelungene Gespräch Jesu mit den Schriftgelehrten. Wie im Evangelium endet diese Ostererzählung mit den sprachlosen Frauen am Grab. Der Hörer und Leser der Geschichte wird selbst vor die Frage gestellt: Glaubst du, was hier erzählt wird? Darüber sprechen am Ende auch Mutter und Kind.

Renate Seelig hat zu den jeweiligen Textseiten einfühlsame und intensive Bilder geschaffen. Sie findet eigene Bildlösungen jenseits historisch „korrekter“ Abbildungen, die den Bibeltext ernst nehmen und Kinder in das Erzählte hinein nehmen. Ihr Umgang mit Farben, ihr Gefühl für Landschaften und ihre Gestaltung der Personen durch die Bildmotive hindurch faszinieren mich. In diesen Bildern gibt es viel zu entdecken! Einzelne Szenen berühren mich außerordentlich: Bartimäus am Wegesrand, der Einzug in Jerusalem, die Salbung durch die Frau, Jesu Gespräch mit den Schriftgelehrten, das Ringen Jesu im Garten Getsemani, das Abendmahl und die Frauen am Grab. Kleine Motive am Anfang und am Ende des Buches – Kinder am Labyrinth sowie Raupe, Puppe und Schmetterling – rahmen den Text: einfache und doch starke Metaphern als Symbole von Tod und Auferstehung.Rainer Oberthür

Blick ins Buch

Die Ostererzählung, Text: Rainer Oberthür - Illustrationen: Renate Seelig, Gabriel Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-522-30097-1, € 12,99

Rezensionen

Das Einfache ist wahrhaftig Kunst – wie eine Illustration zu diesem Satz klingt die Ostererzählung von Rainer Oberthür. Als Theologe habe ich von Seite zu Seite mit wachsendem Staunen entdeckt, wie viele Reflexionen in dieses Buch eingeflossen sind: Poetologische und exegetische Feinheiten, das Nachdenken über den jüdisch-christlichen Dialog, die entscheidende Rolle der in der Theologie oft übersehenen Frauen – um nur einige Aspekte zu nennen.

Dennoch oder gerade deshalb entwickelt das Buch eine erzählerische Kraft, die federleicht anmutet, zugleich wunderbar tief ins Leben greift. Diese Geschichte um Tod und Auferstehung ist einfach, niemals aber flach. Wunderschön, wie sehr der Autor der Kraft der Bibel traut, wahrscheinlich auch deshalb, weil er selbst sorgsam erzählen kann. Sogar die Sätze, die erklärenden Charakter haben, klingen wie geprägt. Viele Wendungen – wie etwa die von „Jesu Freunden, die nichts verstehen“ – hallen in mir nach, man liest sie erneut, legt sie sich auf die Zunge, so lange, bis sie sich einem Gedicht ähnlich ins Innere senken. Dort sind sie aufbewahrt, auf dass man in ihnen aufgehoben ist.

Der Höhepunkt dieser Sprachkraft ist die anaphorische Reihung der Sätze, die in die Kreuzigung mündet, sie wirken wie Schläge, schmerzhaft, hart und scharf. Genau das wollen Kinder hören, behaupte ich, weil sie bestimmt noch nicht alles wissen, aber längst und besser als manche Erwachsene ahnen, wie tief das Geheimnis von Tod und Leben ist. In diesem Buch wird ihr Ahnen ernst genommen, sie müssen damit nicht alleine bleiben. Entsprechend ist es bestimmt kein Zufall, dass Rainer Oberthür die Geschichte ausgerechnet von einem Kind in Bewegung setzen lässt: „Mama, ich möchte etwas wissen vom Ende, wie Jesus gestorben ist.“

Intelligent die Komposition des Buches – auch von den Bildern her betrachtet. Das hat sich mir gerade am Ende der Geschichte erschlossen: Denn das letzte Bild des Buches führt zurück zum Buchumschlag, der Osterfreude, mit der ja auch das Christentum seinen Anfang nahm. Jesus, der Auferstandene selbst, ist allerdings nirgendwo zu sehen oder zu betasten, eine Leerstelle, die das neue Leben nur noch größer macht. Auf irritierende, aber auch eigentümlich befreiende Weise kam mir ein wiederkehrendes Detail in den Illustrationen von Renate Seelig nahe: Die Mimik einiger Figuren, vor allem von Kindern (aber auch die der Frauen am leeren Grab!), ist zurückgenommen, in der Schwebe, oft noch nicht mal angedeutet. Warum mich diese nahezu ungestalteten Mienen anziehen? Weil ich Sehnsucht habe nach solcher Offenheit, nach Gesichtern, die noch nicht für alle Zeiten festgelegt sind. Das Leben steht ihnen bevor, und diese Geschichte glaubt daran, dass ihre Gesichter frei sind und immer schöner werden, weil sich Ostern in ihr Leben schreibt – oder um es mit einem dieser meisterhaft einfachen Sätze von Rainer Oberthür zu sagen: „Die Geschichte ist lange traurig, doch sie hat ein gutes Ende.“

Georg Magirius, Theologe, ARD-Hörfunk-Journalist


Rainer Oberthür, der mit seinen Nele-Büchern bereits einige Anerkennung gefunden hat, legt dieses Jahr nun auch noch „Die Ostererzählung“ vor – und tatsächlich: Es ist die Ostererzählung und nicht nur ein vage „Annäherung“ an sie.

Rainer Oberthür, seines Zeichens katholischer Religionspädagoge und stellvertretender Leiter des Katechetischen Instituts im Bistum Aachen, hat für sich einen nahe liegenden, ja, bestechenden Zugang gefunden – pädagogisch bzw. didaktisch in den Rahmen eines die Mutter fragenden Kindes gesetzt, erzählt er diese Glaubensgeschichte(n) durchaus theologisch korrekt in auch für Kinder anschaulichen und nachvollziehbaren Worten nach. Davor aber hat er für zwei Fragen Lösungen gefunden, vor denen man angesichts ihrer im Nachhinein so zwingenden Brillanz nur den Hut ziehen kann. Grundlage seiner Nacherzählung ist ausschließlich das Evangelium nach Markus – eine äußerst kluge Entscheidung! Nicht nur, weil Markus das nachweislich älteste Evangelium vorstellt, sondern weil dieses auch am wenigsten „spekulativ“, sehr prägnant und ohne antijudaistische Abgrenzungen erzählt. Ganz abgesehen davon, dass mit nur einer Vorlage auch stilistisch ein literarisch in sich stimmiger Grundton zum Tragen kommt.
Darüber hinaus hat Oberthür eine sinnfällige Dramaturgie entwickelt: Die Osterwoche, die ja genau genommen acht Tage währt, wird bei ihm zum Spannungsbogen des Erinnerns, die der Sprachlosigkeit vor dem leeren Grab Jesu bereits Einiges entgegenzusetzen vermag. Er akzentuiert jeden Tag der Kar- bzw. Osterwoche, also nicht nur Psalmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag und Ostern, mit einer Geschichte und füllt so auch die namenlosen Lückentage mit Leben. Dieses Bilderbuch gibt eine Fragehaltung nach Jesus vor: Zu Anfang des über die Evangeliengeschichte hinausgehenden Erzählrahmens will ein Kind von seiner Mama eine Geschichte von Jesus hören – aber nicht die bekannte Weihnachtsgeschichte oder jene Geschichten, die Jesus selbst erzählt. Nein, es soll die sein, in der Jesus stirbt. Gleichsam als Prolog wird dann die Ostergeschichte mit dem Bartimäus-Wunder eröffnet, die stellvertretend für das vorangegangene Wirken Jesu den freudigen Empfang in Jerusalem (Palmsonntag) erklärt. Es folgen die Geschichten von der Vertreibung der Händler aus dem Tempel sowie der Hinweis auf die Gespräche Jesu mit den Schriftgelehrten, die im Einklang das „wichtigste Gebot“ erörtern. Am vierten Tag heilt Jesus einen Kranken in Betanien, wird von einer Frau mit Öl gesalbt und von Judas verraten. Am fünften Tag feiert Jesus mit seinen Jüngern das Passahfest und teilt mit ihnen das letzte Abendmahl (Gründonnerstag). Nach unserer Zählung die Nacht vor Karfreitag erzählt von den Ängsten und dem Gefühl des Verlassenseins Jesu, seiner Verhaftung samt dem Verrat des Petrus. Die Vorgänge am Karfreitag mit Verhör durch Pilatus und sich anschließender Kreuzigung münden in den Scheidepunkt des siebten Tages, wo „nichts geschah“, was zugleich mit dem Sabbat bzw. Ruhetag der Juden korrespondiert und schlussendlich in der Auferstehung, die mit dem Hinweis des „Jünglings“ an die Frauen vor dem leeren Grab Jesu sein knappes und für weitere Gespräche offenes Ende findet. Denn auch wenn es das Kind der Rahmenhandlung doch schon anders gehört hat, Markus erzählt nicht mehr – und so heißt es am Ende: „Jesus hat nicht weitergelebt wie vor seinem Tod. Aber den Jüngern wird klar: Jesus ist auferstanden und lebt für immer bei Gott. Diese schöne Erfahrung machte ihnen Mut. Nun verstanden und glaubten sie: Es geht weiter mit Jesus.“ Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Illustrationen von Renate Seelig, die bereits mit Die Weihnachtsgeschichte von Barbara Bartos-Höppner eine der m.E. besten Weihnachtsbilderbuch-Nacherzählungen gestaltet hat. Ihre Bilder sind auch hier von bestechender Anmutung und kindgemäßer Klarheit, die Vignetten zur Rahmenhandlung stoßen assoziative Gedankenspiele an, die auf den Kern des Haupttextes zielen.

Rainer Oberthür hat mit dem Text zu diesem Bilderbuch allen Eltern und Kindern, die an einer Kernaussage des christlichen Glaubensbekenntnisses interessiert sind, ein großes Geschenk gemacht – eines, das auch wegen seiner sich auf das Wesentliche beschränkenden aber keineswegs verengenden Erzählweise einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Ökumene leistet. Und vor allem zur neuerlichen Sinnstiftung der Osterwoche. Gratulation!

Ulrich Karger (www.buechernachlese.de.vu)